Zu einer aufschlussreichen Premiere versammelte die Internationale Logistics Hall of Fame noch am Vortag der Gala der «Ruhmeshalle der Logistik» mehr als 60 hochkarätige, internationale Expertinnen und Experten zu einer Humanitären Supply Chain-Konferenz «ConnectChains» im deutschen Verkehrsministerium.

Nur mit agilen Lieferketten, lokalen Partnerschaften und langfristigen Kollaborationen können die Akteure in der Katastrophenhilfe künftige Herausforderungen meistern, lautete – nicht ganz unerwartet - der Tenor.

Ziel des Gipfeltreffens war eine verbesserte Vernetzung der Akteure, Herausforderungen herauszuarbeiten und sich über Best-Practice-Beispiele austauschen. Die Fachleute betonten in den Diskussionen, dass die Arbeit in Katastrophengebieten durch Faktoren wie etwa Klimawandel, politische Krisen, Wasser- und Energieknappheit erschwert werde.

Fotos: S.Semmer / LHoF

An die Politiker – insbesondere in von Krisen betroffenen Ländern – richteten sie die Forderung, für rechtlich einheitliche Rahmenbedingungen zu sorgen. Schnelle Hilfe sei gerade bei länderübergreifenden Einsätzen schwierig, weil sich Vorschriften von Land zu Land unterschieden und schnell ändern. Zudem seien vorausschauende Investitionen in die Infrastruktur und Krisenpläne nötig.

Oliver Luksic, Koordinator der Bundesregierung für Güterverkehr und Logistik, betonte, dass das Verkehrsministerium bereits auf jüngste Krisen wie beispielsweise die Flut im Ahrtal oder den Krieg in der Ukraine reagiert und sich im Bereich Katastrophenmanagement noch professioneller aufgestellt habe. «Die Krisen haben gezeigt, wie wichtig ein schnelles und effizientes Management für Hilfslieferungen ist», so Luksic.

M.Tomas / IMC

Im Rahmen des Gipfeltreffens arbeiteten die Akteure heraus, welche Best-Practice-Beispiele für den Bereich humanitäre Logistik vorbildlich wären. Vertreter von International Medical Corps, Gewinner der Lynn C. Fritz Medal for Excellence in Humanitarian Logistics 2023, berichteten über den Einsatz ihrer selbst entwickelten Software «Pharmaceutical Information Management System» (PIMS). Damit schaffte die Organisation aus den USA – wie berichtet - einen Meilenstein bei der Steuerung der letzten Meile in der pharmazeutischen Lieferkette.

Laut Thilo Jörgl, Konferenzleiter der ConnectChains, stehen humanitäre Organisationen und ihre Partner vor einer «Herkulesaufgabe», weil trotz zunehmend schwieriger Rahmenbedingungen an vielen Problemen gleichzeitig gearbeitet werden müsse. Die Konferenz habe eindrücklich gezeigt, wo dringend Handlungsbedarf sei.

Bessere Koordination

Sowohl humanitäre Organisationen als auch kommerzielle Unternehmen beklagen, dass nicht alle Akteure bei Projekten über den gleichen Informationsstand verfügten und die Bereitschaft, Daten zu teilen nicht bei allen vorhanden sei. Logistikdienstleister halten die Einführung von sogenannten «Control Towers» für sinnvoll.

Klare Verantwortlichkeiten

Für humanitäre Organisationen stehe fest, dass Verantwortlichkeiten im Supply Chain Management klarer definiert werden müssten, damit alle Akteure – von den Geldgebern über die Logistikdienstleister bis zu den Hilfsorganisationen – ihre Arbeit noch besser erledigen könnten. Voraussetzung dafür sei eine transparente Supply Chain.

Besseres Risikomanagement

Ob Naturkatastrophen, politische Unruhen oder unvorhersehbare Pandemien: Die Gefahr steige, dass bei Einsätzen Hilfsgüter und Transportmittel beschädigt werden und die Gesundheit der Mitarbeitenden gefährdet sei. Deshalb sollten alle Akteure vor Einsätzen Risikomanagementstrategien ausarbeiten, Situationen systematisch bewerten und flexible Reaktionspläne sowie Trainings vorbereiten. Da trotzdem nicht alle Risiken ausgeschlossen werden könnten, sei permanentes Lernen unabdingbar.

Langfristige Kollaboration

Oftmals geht die Zusammenarbeit der unterschiedlichen, internationalen Akteure noch nicht über Lieferantenbeziehungen oder simple Partnerschaften hinaus. Vertrauensvolle Kollaboration in einem Netzwerk, in dem jeder von jedem lernen könne und Informationen möglichst in Echtzeit ausgetauscht würden, sei nötig – beispielsweise auch auf der letzten Meile.

O.Luksic

Genaue Analyse lokaler Märkte

Humanitäre Organisationen und ihre Partner stünden vor der schwierigen Aufgabe, die Qualität der lokalen Wirtschaft und Märkte bewerten zu müssen. Einerseits seien sie bestrebt, lokale Akteure in die Projekte miteinzubinden, andererseits könnten sie oftmals unter Zeitdruck nur schwer beurteilen, ob lokale Partner die richtigen Waren in der geforderten Qualität zu einem angemessenen Preis liefern können. Schwierig sei es mitunter auch, die tatsächlichen Bedürfnisse der Betroffenen zu ermitteln.

Nachhaltigkeits-Strategien

Der United Nations High Commissioner for Refugees (UNHCR) hat das Ziel ausgegeben, dass die Kohlendioxidemissionen im Supply Chain Management bis 2030 um 30 Prozent reduziert werden müssen. Schwierig gestaltet sich nicht nur die Messung der Emissionen, sondern auch die Durchführung verschiedener Massnahmen im Detail – dazu zählen: die Neugestaltung und Produktion von Hilfsmitteln aus wiederverwerteten Stoffen, die Verwendung von nachhaltigen Verpackungen, die Reduzierung von Abfall, die Zusammenarbeit mit lokalen Lieferanten und die bessere Kollaboration aller Akteure.

Supply Chain Management

In einigen humanitären Organisationen haben Lieferkettenexperten nur einen geringen Einfluss auf das Top-Management und ihre Strategie. Diese sehen zum Teil nicht die Notwendigkeit, das Supply Chain Management in die Strategieentwicklung mit einzubeziehen. Verändern könnte sich die Situation bald, weil einige Geldgeber dazu übergegangen sind, bei Unterstützungsanträgen Details zum Einfluss der Supply Chain-Experten abzufragen.